Pressemitteilung

Wardenburg. An Mittwoch, 27. Januar fand der bundesweite, gesetzlich verankerte Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus statt. Er ist bezogen auf den Tag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau und der zwei weiteren Konzentrationslager in Auschwitz vor 76 Jahren.

Zum offiziellen Gedenktag wurde der Jahrestag der Befreiung von Auschwitz 1996 auf Initiative des damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog. Die Vereinten Nationen erklärten den 27. Januar im Jahr 2005 zum Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocausts.

Als Vertreter von Wardenburger Institutionen fanden sich im Rahmen des Gedenktages Pastorin Imke Gießing von der evangelischen Kirchengemeinde, Pastoralreferentin Susanne Duesmann von der katholischen Kirchengemeinde sowie Bürgermeister Christoph Reents am Kugelmannplatz in Wardenburg ein, um gemeinsam den unfassbar vielen Opfern des Nationalsozialismus und insbesondere den ermordeten, in Wardenburg geborenen und aufgewachsenen Mitgliedern der jüdischen Familie Kugel-mann zu gedenken. Im Einzelnen sind dies:

Julius Kugelmann, ermordet in Treblinka
• Emma Kugelmann, ermordet in Zamosc
• Louis Kugelmann, seine Frau Frieda, geborene Königsthal und ihre Tochter Erna Gellert, gebo-rene Kugelmann, alle drei ermordet in Ausschwitz
• Semmi Kugelmann, ermordet in Lodz
• Elise/ Luise Kugelmann, ermordet in Treblinka.

In Andenken an die Ermordeten legten die Anwesenden ein Blumengesteck nieder und hielten an sie einen Moment der Erinnerung in Stille. „Ohne Erinnerung an die furchtbaren Ereignisse kann es weder eine Überwindung dieses schlimmen Teils von Deutschlands Geschichte geben noch können wir die notwendigen Lehren für die Zukunft ziehen“, so die einhellige Meinung der Teilnehmenden. „Was damals hier in Deutschland passiert ist, darf sich niemals wiederholen! Unser aller Aufgabe ist es, Mitmenschlichkeit zu bewahren und die Rechte und die Würde jedes Menschen zu achten und zu schützen. Niemand darf aufgrund seiner Herkunft, seiner Religion, seiner Andersartigkeit oder aufgrund persönlicher Ausrichtungen verurteilt werden. Hierzu gilt es insbesondere, unsere demokratischen Grundsätze zu bewahren und zu behüten“!
Aufgrund der Corona-Pandemie ist eine öffentliche Gedenkveranstaltung im Schulterschluss mit der IGS Am Everkamp wie in den vergangenen Jahren leider nicht möglich gewesen. Darum hatten sich die Beteiligten für eine Ausrichtung mit einem sehr eingeschränkten Teilnehmerkreis entschieden.

Zur Familie Kugelmann

Im Jahr 1861 siedelte das Ehepaar Daniel und Friederike Kugelmann hier in Wardenburg. Friederike Kugelmann, geborene Hattendorf, kam aus einer Familie, die schon lange in Kirchhatten und Umgebung verwurzelt war. Daniel Kugelmann stammte gebürtig aus Osterode im Harz. Während seiner Wanderschaft als Schlachtergeselle lernte er seine spätere Frau kennen. Nun ließen die beiden sich in Wardenburg nieder und begannen, sich mit ihrer eigenen Schlachterei hier ihre Existenz aufzubauen. In den nächsten Jahren lebten sie in recht bescheidenen Verhältnissen, konnten aber bis 1908 ein eigenes Haus mit Grundstück erwerben. In den Jahren 1861-1870 kamen die Kinder Julius, Emma, Luis, Semmi und Elise/Louise zur Welt. Sie waren Wardenburger Kinder, die hier aufwuchsen, die Schule und den Sportverein besuchten, Freunde und Freundinnen hatten, Mitglieder bei der örtlichen Feuerwehr waren und über lange Jahre selbstverständlich dazu gehörten.

Dennoch wird in all den Jahren auch Antisemitismus und Ausgrenzung für den Oldenburger Raum überliefert. Dies spürte auch die Enkelgeneration der Kugelmanns, die ebenfalls hier in Wardenburg geboren wurde. Selma und Erna Kugelmann seien hier stellvertretend genannt. Ob sich Wardenburger fanden, die der Familie Kugelmann zur Seite sprangen, ob Schulkameraden ihre jüdischen Freunde verteidigten oder ob sich Nachbarn dem zunehmenden Antisemitismus in den Weg stellten, kann heute nicht mit Sicherheit beantwortet werden. Wenn es jedoch solche Personen gegeben hat, dann waren sie in der Minderheit und es gelang ihnen nicht, die Familie Kugelmann vor der Deportation und dem Morden in den Konzentrationslagern zu schützen. Wer mehr über die Familie Kugelmann erfahren möchte, dem sei das „Unsere jüdischen Nachbarn“ von Werner Meiners (Isensee Verlag, 2011) empfohlen.


Pastorin Imke Gießing, Pastoralreferentin Susanne Duesmann, Bürgermeister Christoph Reents