Von Pastoralreferentin Susanne Duesmann

Liebe Schwestern und Brüder,

in der kommenden Karwoche liegt eine große Bandbreite an Emotionen vor uns.

Wir kennen sie zum Teil auch aus dem eigenen Leben und das nicht nur unter den aktuellen Corona-Bedingungen:

Erwartung, Jubel, Wehmut, Abschied, Angst, Verzweiflung und Liebe.

In den Lesungen ist der ganze Bogen des Abschieds und der Passion, des Leidens Jesu, heute am Palmsonntag vor uns aufgespannt:

zuerst der Einzug in Jerusalem, in den letzten Aufenthaltsort Jesu, begleitet von einer fröhlichen Menschenmenge, von berührenden Zeichen der Verehrung und Bescheidenheit Jesu,

dann die Vorbereitungen für den Abschied, das Abschiedsmahl Jesu beim Pessach, der Verrat seines Freundes, das Gebet in tiefer Verzweiflung, die Wache in der Nacht, die Folter und Verurteilung, der grausame Gang in den Tod.

Als Triumphator, als siegreicher Held, als Gottgleicher ist Jesus in den heutigen Texten nicht gezeichnet.

Er reitet auf einem Esel – dem alltäglichen Arbeitstier, er wird geschlagen und verspottet, vom Freund verleugnet, dann ausgeliefert und schmählich hingerichtet.

Wir sehen einen Christus, der Kriegsopfern aus Syrien und aus aller Welt gleicht, der den vielen Frauen, Männern und Kindern nahekommt, die immer stärker vom Klimawandel bedroht sind und der mittlerweile auch den vielen Opfern der heimtückischen Atemwegserkrankung Covid–19 sehr ähnlich ist; der nicht strahlend und stolz dasteht, sondern geschlagen, verletzt und gedemütigt um seine Verbindung zu Gott ringt.

Diese Momente fasst der Apostel Paulus in Worte, wenn er im sogenannten Philipper-Hymnus von Christus spricht. Wir können ihn im Neuen Testament nachlesen, und die aktuelle Übersetzung der Bibel (Phil 2,6-11) schält es noch deutlicher heraus:

„Er war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, Gott gleich zu sein, sondern er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich. Sein Leben war das eines Menschen; er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz.“

Seine ganze Erscheinung zeigte also: Er war ein Mensch wie du und ich.

Jesus Christus erscheint nicht mit Prunkgewändern, in Limousinen und mit Titeln überhäuft; er wirft nicht mit Geld um sich oder macht Profit mit Aktien und Immobilien, sondern er kommt „ganz unten an“, wie wir es nennen, wenn Menschen ihr Leben nicht mehr in der Hand haben oder bestimmen können, wenn sie bevormundet, zerschlagen, alleine und dem Tod nahe sind.

So möchte ich noch einen Satz aus dem Philipperbrief darstellen, der unmittelbar vor dem Zitierten zu finden ist:

„Seid untereinander so gesinnt, wie es dem Leben in Christus Jesus entspricht“ (Phil 2,5) oder wie es in der Übersetzung der Bibel in gerechter Sprache heißt: „Euer Verhältnis zueinander soll der Gemeinschaft mit Jesus Christus entsprechen.“

Der Gemeinschaft mit welchem Jesus Christus? Wenn Jesus Christus – unser Gott – der Geschlagene, der Schwache ist, dann heißt es für uns auch: Gott ist dort zu finden, wo die Schwachen, die Gedemütigten, die Hilflosen und Armen sind. Um ihre Gesellschaft geht es – und sie brauchen unsere Gesellschaft, Solidarität und Gegenwart. Sie zeigen uns Christus, dort ist Gott anwesend. Wir kennen das aus anderen Bibeltexten, etwa: „Was ihr dem Geringsten meiner Brüder und Schwestern getan habt, das habt ihr mir getan.“

Und Gott ist nicht vordergründig und zuallererst dort zu finden, wo Prunk, Macht, Geld und Ansehen präsent sind. Weder in Wirtschaft und Politik, noch in der Kirche mit all ihren scheinbar unverrückbaren Hierarchien.

Ja, er wird dort selbstverständlich auch zu finden sein, aber das Wesen Gottes ist nicht, ganz oben an der Spitze zu stehen, sondern freiwillig dort zu sein, wo es sich nicht gut lebt, wo Menschen anderen ausgeliefert sind. Er hat damit die Komfortzone verlassen, um uns Menschen nahe zu sein.

Diese Botschaft von Passion und Ostern ist ein Stachel, ein Stachel in meinem Fleisch (weil ich mich auch zu den recht gut situierten Menschen auf dieser Erde zähle), ein Stachel in unserem Land, ein Stachel in der Kirche, ein Stachel für die Welt.

Als Christinnen und Christen können wir mit Jesus auch diese Wege gehen: hinaus aus der Komfortzone, gestärkt und begleitet von ihm, mit der Ahnung oder der Gewissheit, dass wir dem Leben in und mit Gott entgegengehen, dort und auch schon hier, immer wieder neu. Das kann selbst jetzt in der aktuellen sehr schwierigen Pandemie- Situation geschehen. Nämlich immer dort, wo wir Menschen rücksichtsvoll, vorrausschauend, innovativ und solidarisch grenzüberschreitend aneinander und an Gottes Schöpfung handeln und einander in Liebe unterstützen.

Möge das diesjährige Osterfest uns einmal mehr erkennen, glauben und spüren lassen: Jesus Christus ist ins Leben gestorben. Er lebt und wir werden mit ihm leben.

Amen.