Gründonnerstag

Von P. Benny George Moonjanattu OCD

Jedes Jahr, wenn ich am Gründonnerstag am Altar stehe und das Brot des Lebens in die Hand nehme, erinnere ich mich an die Feier des Gründonnerstags und die Liebe und den Zusammenhalt, die ich als Kind zu Hause in Indien erlebt habe. Es ist bei uns Sitte, dass der Familienvater am Gründonnerstag nach dem Abendgebet mit seiner Frau und mit seinen Kindern ein großes Brot bricht und alle davon essen. Dazu wird ein Getränk aus Kokosmilch und verschiedenen Kräutern gereicht. Dadurch möchten wir die Abendmahlsfeier Jesu nachspüren. Diese Feier am Gründonnerstag ist für uns in Indien eine sehr wichtige Feier des Jahres. 

Der Gründonnerstag war im Leben Jesu auch ein wichtiger Tag. An diesem Tag hat er seinen Freunden seine ewige Gegenwart versprochen. An diesem Tag hat Jesus seinen Verräter Freund genannt. An diesem Tag wurde er verhaftet, verspottet und verurteilt. An diesem Tag hat Jesus die Füße seiner Apostel und auch die Füße des Verräters gewaschen.

Am Ende des heutigen Evangeliums fragt Jesus seine Jünger: „Begreift ihr, was ich euch getan habe?“ Möglicherweise haben sie sich ratlos angeschaut. Wenn Jesus uns fragt: „Begreift ihr?“ Was antworten wir? Im Tiefsten haben wir es nicht begriffen. In unserer Welt, wo Krieg herrscht, wo der Kampf um die ersten Plätze um sich greift, wo die Corona-Pandemie die Welt fest im Griff hat, können wir die Taten Jesu nicht begreifen. Liebe Gemeinde! Wir wollen heute das Wort Jesu: „Begreift ihr, was ich euch getan habe?“ etwas näher anschauen.

In der Fußwaschung kniet Jesus sich vor seinen Jüngern nieder und wäscht ihre Füße. Bedenken wir: Im Kreis der zwölf Apostel sitzt auch Judas. Es wird zweimal im Evangelium gesagt: Jesus wusste, dass Judas ihn verraten würde. Aber Jesus geht an Judas nicht vorbei. Er wäscht auch ihm die Füße. Unmittelbar danach geht Judas hinaus, um ihn zu verraten.

Liebe Schwestern und Brüder! Ein Menschenherz kann so hart sein, dass die Liebe Jesu es nicht mehr trifft. Judas war total enttäuscht. Vielleicht hat er sich Jesus ganz anders vorgestellt. Möglicherweise hat er gedacht, dass Jesus als politischer König auftritt. Dann hätte Judas auch einen guten Anteil daran. Aber Jesus geht den Leidensweg, den Kreuzweg. Darum ist Judas enttäuscht.

Liebe Schwestern und Brüder! Einige Menschen sind heute von Gott enttäuscht. Sie stellen sich Gott anders vor. Man möchte lieber einen Gott haben, der Wunder wirkt, der dafür sorgt, dass es keinen Krieg mehr gibt und der Frieden schenkt. Aber wir erleben einen Gott, der scheinbar hilflos den Grausamkeiten der Welt zuschaut! Von einem solchen Gott sind wir enttäuscht. Doch bei aller Enttäuschung sollten wir daran denken: Jesus will an uns das Zeichen seiner Liebe setzen. Lassen wir seine Liebe an uns herankommen, nicht nur an unsere Füße, sondern auch und vor allem an unser Herz.

Wir kommen zurück zur Fußwaschung. Jesus geht zu Petrus. Er sagt zu Jesus: „Herr, du willst mir die Füße waschen? Du mir? Das darf es doch nicht geben!“ Jesus sagt ihm: „Wenn ich dich nicht wasche, hast du keine Gemeinschaft mit mir.“ Dann hat Petrus vielleicht gedacht: „Wieso habe ich keine Gemeinschaft mit dir? Ich habe alles verlassen, um bei dir zu sein“. 

Aber es geht bei der Gemeinschaft darum, dass unser Leben in der Kommunion durch Jesus gebildet und verwandelt wird in sein Leben. Es geht um die Verwandlung des ganzen Menschen in die göttliche Natur hinein. Nicht umsonst steht im Mittelpunkt der Heiligen Messe das, was wir die „Wandlung“ nennen. Es geht nicht nur darum, dass das Brot verwandelt wird in den Leib Christi, sondern auch wir werden verwandelt durch den Leib Christi. Es ist eine Gemeinschaft, in der wir erfahren: „Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir.“

Liebe Gemeinde! Der gleiche Jesus, der damals im Abendmahlssaal den Jüngern die Füße gewaschen hat, ist heute hier in der Kirche. Er will uns seine Gemeinschaft schenken. Wenn wir zur Kommunion gehen und dieses Zeichen seiner Liebe empfangen, dann erhalten wir den Auftrag: Christus, der in mir lebt, wäscht dem anderen die Füße durch meine Hände, schenkt dem anderen ein gutes Wort durch meinen Mund und tut seine Werke durch mich. Liebe Gemeinde! Geben wir Jesus die Gelegenheit, dass er das Zeichen seiner Liebe an dir und an mir tun kann.  Amen.