Von Pastoralreferentin Susanne Duesmann

Ostermontag 2020 (Lk24,13-35)

Liebe Schwestern und Brüder,

warum? Das ist wohl die meistgestellte Frage der Menschheit. Schon kleine Kinder fragen immer und immer wieder nach dem Warum und können damit ihre Mütter und Väter fast zur Verzweiflung treiben. Denn auf viele Warum-Fragen gibt es kein klares, eindeutiges „Darum“ – erst recht nicht eines, das Kindern einleuchtet und nicht gleich wieder die nächste Frage nach dem „Warum“ provoziert. Hinter den vielen dieser kindlichen Fragen steckt Neugier, und Neugier ist auch die Triebfeder der meisten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die die Geheimnisse des Klimawandels, der Medizin, des gerechten menschlichen Zusammenlebens, der Natur oder auch der Technik zu ergründen versuchen.

Aber es gibt noch andere Gründe, nach dem Warum zu fragen – und die sitzen viel tiefer. Dazu gehören die Ohnmacht und Fassungslosigkeit angesichts von Leid und Gewalt, von Krankheit und Tod, nicht nur in diesen herausfordernden Corona-Zeiten. Ich denke, wir alle kennen solche Fragen: Warum musste alles so kommen? Warum hat Gott das nicht verhindert? Warum musste es gerade sie, gerade ihn, gerade mich treffen? Warum? Warum? Eine Antwort auf solche Fragen zu finden ist ungleich schwieriger, oft gar nicht möglich. Denn das „Darum“ würde meistens unser menschliches Fassungsvermögen, ja unseren Verstehenshorizont weit übersteigen.

Dieser Art waren wohl auch die Gedanken und Fragen, welche die beiden Jünger Jesu auf dem Weg nach Emmaus umtrieben. Ich sehe sie geradezu vor mir: Mit hängenden Köpfen, gebeugt von Trauer und Resignation, gehen sie ihren Weg. Sie tauschen miteinander ihre Erfahrungen mit diesem Jesus aus, sprechen über ihre Enttäuschung und Ernüchterung, vielleicht auch ihre Auflehnung und Wut über die Schuldigen an der Misere – nicht zuletzt auch gegen Gott, der Jesus so schmählich hat hängen lassen …!

Aber da ist einer, der mit ihnen geht – ein Fremder. Er fragt nach dem Grund ihres Kummers, hört einfach zu, urteilt nicht, gibt auch ihrem „Warum“ keine billigen Antworten. Die beiden Jünger fühlen sich in ihrer Verzweiflung und Auflehnung ernst genommen und verstanden. Und dann stellt er eine Frage, die zum Nachdenken herausfordert. „Musste nicht der Christus das erleiden und so in seine Herrlichkeit gelangen?“(Lk24,26) Was der geheimnisvolle Begleiter ihnen dann zu erklären versucht, verstehen sie zwar zuerst nicht – aber irgendwie richtet es sie auf, ihm zuhören zu können, und weckt tief in ihnen eine Ahnung, eine Hoffnung, dass doch nicht alles vergebens und vorbei ist. Und dann – schon am Ziel ihrer Wanderung, ganz plötzlich und unerwartet – gehen ihnen die Augen auf und sie erkennen in diesem geheimnisvollen Begleiter Jesus, der mit ihnen das Brot brach, Jesus, den Auferstandenen.

Möglicherweise haben Sie ja schon ähnliche Erfahrungen gemacht wie die Emmausjünger. Es gibt sie auch heute, jene Begleiterinnen und Begleiter in schwierigen Zeiten, etwa nach einem Todes- oder Unglücksfall, in Krankheit und Ängsten, nach einer Trennung oder beim Arbeitsplatzverlust. Solche Frauen und Männer gehen mit, hören zu, geben Raum, nehmen uns ernst, sind mit uns auf Augenhöhe. Sie verstehen es, Fragen zu stellen, die nicht vorwurfsvoll klingen. Sie finden Worte, die guttun, die motivieren, die uns an unsere eigenen Ressourcen andocken lassen und so langsam aber sicher, schier unbemerkt, neue Hoffnung, Zuversicht und Perspektive wecken, die Ahnung einer Antwort auf die Frage nach dem Warum ermöglichen. Kann sein, dass zuerst Trauer und Verzweiflung nicht gleich verschwinden und es noch lange dauert, bis die Wunden heilen. Aber irgendwann, wenn die Zeit reif ist, gehen uns die Augen auf und wir erkennen, dass es wahr ist, was der Unbekannte auf dem Weg zu den beiden Trauernden sagt: Alles, was geschehen ist, hatte einen verborgenen Sinn, hat Neues wachsen lassen, uns reifer gemacht, näher zu uns selber, zu den Mitmenschen und vielleicht sogar zu Gott gebracht. Das sind österliche Augenblicke, die eine tiefe Dankbarkeit wecken – gegenüber Gott und den Menschen, in denen uns Jesus selber, der geheimnisvolle Dritte aus der Emmausgeschichte, begegnet ist.

Ja, solche Frauen und Männer sind ein Segen. Und sollten wir wieder einmal im Dunkel der Trauer, des „Warum?“, des Zweifels unterwegs sein müssen, dann ist es gut, sich zurückzuerinnern an solche Erfahrungen. Schon das Volk Israel, aber auch Christinnen und Christen aller Zeiten haben erfahren: Erinnerungen an aktiv durchgestandene Nöte und an Menschen, die uns durch solche Zeiten begleitet haben, sind wahre Kraftquellen – für heute und für morgen, wann immer die Frage nach dem Warum uns umtreibt.

Aber nicht nur die Erinnerung an eigene Lebenserfahrungen, auch jene an die Erfahrungen anderer können hilfreich sein in diesen Zeiten. Darum ist es gut, Geschichten wie jene von den Jüngern auf dem Weg nach Emmaus immer wieder zu hören. Wie wäre es, sie heute mitzunehmen in den Alltag wie einen Schlüssel, der die Tür zur Antwort auf unser „Warum“ wenigstens einen Spalt breit öffnen kann und uns die verborgene Gegenwart des Auferstandenen in jeder Lebenssituation erahnen lässt. Und wie wäre es, die Bitte der Jünger zu unserer zu machen – nicht nur, wenn es dunkel ist in unserem Leben: „Bleibe bei uns; denn es wird Abend, der Tag hat sich schon geneigt!“ Wer sich auf diese österliche Verheißung einlässt, bringt es vielleicht sogar fertig auch und gerade jetzt ein Hallelujalied anzustimmen: Der Gottes-und Menschensohn Jesus Christus lebt. Sein Leben, sein Tod und seine Auferstehung gehen uns an. Mit seinem neuen Leben hoffen wir auf das neue Leben für diese Welt und für uns selbst. Diese Hoffnung berührt uns und lässt uns die Kraft spüren, das Leben mit Fantasie und Innovationsfähigkeit tatsächlich friedvoller und gerechter, grenzüberschreitend zu gestalten und auch keine Angst mehr vor dem „Warum“ haben zu müssen. Amen!