Von P. Benny George Moonjanattu OCD

Liebe Schwestern und Brüder!
Fragen Sie einmal einen Christen: „Haben Sie schon einmal die Stimme Gottes gehört?“ Was meinen Sie, was er antworten wird? Wahrscheinlich würde er zurückfragen: „Kann man die Stimme Gottes denn überhaupt hören?“

Im heutigen Evangelium sagt Jesus: „Meine Schafe hören auf meine Stimme.“ Es ist ein klares Bekenntnis für den, der zu Jesus gehört. Auf der anderen Seite gibt es die große Klage Gottes bei den Propheten: „Ihr habt nicht auf meine Stimme gehört.“ Das heißt, Gott spricht immer zu uns, leider hören wir in unserem Alltag seine Stimme zu oft nicht.


Liebe Gemeinde!
Wenn wir die Stimme Gottes hören wollen, müssen wir lernen aus den vielen Geräuschen der Welt die leise Stimme Gottes herauszuhören. Als ich im Priesterseminar war, hatten wir jeden Tag 30 Minuten eine Zeit des Hörens. Wir sind in die Kirche gegangen und haben ganz still auf das Kreuz geschaut und auf Jesus gehört. Da haben wir nichts gebetet, nur gehört, was Jesus zu uns spricht. Diese Stille zu erleben, sich ganz darauf einzulassen, das war für mich etwas Kostbares. Vielleicht denken Sie jetzt, das ist nur etwas für die Priester und Ordensleute. Die haben doch Zeit dafür.
Aber es gibt auch andere Gläubige, die das tun. Ich kenne einen Mann, der immer eine halbe Stunde früher zur heiligen Messe kommt. Ich habe ihn einmal gefragt, warum er so früh kommt. Er sagte: „In dieser stillen Zeit kann ich über alles mit Gott reden, über meine Familie und Kinder. Ich kann Gott um Rat fragen in den vielen praktischen Angelegenheiten, wo eine Entscheidung ansteht. Oft bekomme ich in dieser stillen Zeit Klarheit, wie ich entscheiden soll. Ich höre dann wirklich die Stimme Gottes.“


Liebe Gemeinde: Man hört nur mit dem Herzen gut. Wer gelernt hat, mit dem Herzen zu hören, der entdeckt die Stimme Gottes. Ich kann aus der Bibel ein Beispiel nennen. In der Leidensgeschichte hat Jesus dem Petrus gesagt: „Heute Nacht, ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen.“ Petrus hat diesen Satz nur mit den Ohren gehört. Wenige Stunden später als der Hahn krähte, erinnerte sich Petrus an das Wort Jesu. Er ging hinaus und weinte bitterlich. Da hat er wirklich das gleiche Wort Jesu mit dem Herzen gehört.


Ein anderes Beispiel: In einem Bibelkreis haben wir einmal die Geschichte vom „Reichen Mann und vom armen Lazarus“ gelesen. Plötzlich sagte ein Teilnehmer: „Gott sei Dank, liegt in unserer Gesellschaft kein Lazarus vor der Tür. Dafür gibt es heute das Sozialamt und die Caritas und ähnliches.“
Als wir uns eine Woche später wieder trafen, sagte der gleiche Mann: „Ich weiß jetzt, dass das, was ich beim letzten Bibelkreis gesagt habe, nicht stimmt. Der Lazarus liegt in unserem Wohnzimmer.“ Da haben wir ihn nachdenklich angeschaut. Er hat es dann erklärt. Am Abend hatte er im Radio einen Bericht über hungernde Kinder in Afrika gehört. „Durch das Radio“, sagte der Mann, „kommt der Lazarus bei uns bis in das Wohnzimmer.“ Ja, wenn wir lernen mit dem Herzen zu hören, dann hören wir die Stimme Gottes sogar im Radio oder im Fernsehen.


Liebe Schwestern und Brüder!
Bevor der Priester in jeder heiligen Messe das Evangelium verkündet, verbeugt er sich zum Altar und betet: „Heiliger Gott, reinige mein Herz und meine Lippen, damit ich dein Evangelium würdig verkünde.“ Wie wäre es, wenn jeder still für sich in diesem Augenblick beten würde: „Herr, öffne du mir mein Herz, damit ich im Evangelium deine Stimme höre.“ Ich bin sicher: Wir hören und begreifen dann Gottes Wort besser. Dann würde Jesus über uns so sprechen: „Seht, meine Schafe! Sie hören meine Stimme und sie folgen mir. Ich kenne sie, und ich gebe ihnen ewiges Leben“.


Amen.

Zum Evangelium nach Johannes 10,1 – 10 auf Domradio.de