Von Pfarrer Christoph Sibbel

Liebe Schwestern und Brüder,

ich grüße Sie sehr herzlich auf diesem Weg und fühle mich mit Ihnen verbunden, auch wenn ich diesen Gruß in den Tagen der Corona-Krise nicht unmittelbar im Gottesdienst an Sie richten kann. Ich hoffe, dass diese Worte meiner Sonntagsansprache Ihnen -auch in nur schriftlicher Form- etwas Ermutigung und Orientierung aus dem Evangelium geben können.

Der Blinde am Teich Schiloach im Evangelium vom jetzigen 4. Fastensonntag (Johannes 9, 1-41) wird sich wohl zuerst verwundert die Augen gerieben haben, als er plötzlich wieder sehen konnte. Jesus hatte ihn geheilt.

Auch wir reiben uns in diesen Tagen die Augen – verwundert bis erschrocken über das, was wir zu sehen bekommen: geschlossene Schulen und Kitas, zunehmend verlassene Straßen und Plätze, verwaiste Restaurants und andere Gebäude; nicht zuletzt unsere Kirchen sind leer. „Bis weit nach Ostern und vor allem an den Feiertagen wird hier kein einziger Gottesdienst mehr stattfinden“, ging es mir durch den Kopf, als ich gestern Abend die Josef-Kirche zuschloss. Das fühlt sich sehr merkwürdig, fast unwirklich und vor allem schmerzlich an. Die Kirchengebäude bleiben für das persönliche (!) Gebet geöffnet, aber das Entscheidende, die Versammlung der Gläubigen im Gebet, ist nicht mehr da. Das wird sich hoffentlich bald wieder ändern.

Jetzt aber geht es vor allem darum, das in den Blick zu nehmen – und nicht die Augen davor zu verschließen -, was sich daraus entwickeln soll: eine Verlangsamung der Ausbreitung des Corona-Virus und damit einen Schutz für die besonders gefährdeten Menschen. Wenn die Krankenhäuser nicht mit zu vielen Patienten auf einmal überlastet werden, können sie sich effektiver um die schweren Krankheitsverläufe kümmern – und von denen wird es in der nächsten Zeit leider noch viele geben, da sind sich die Experten sicher.

Als Christinnen und Christen leisten auch wir dazu unseren Beitrag, verzichten auf Gottesdienste und Versammlungen, um das Virus nicht weiterzutragen und –so paradox es auch klingt – stehen einander bei, indem wir nicht beieinanderstehen. Diese Haltung können und sollten wir überall im Alltag vorleben, damit auch andere auf ihre Lebensgewohnheiten und Umgangsformen achten. Corona-Parties u.ä. sind kein Spaß mehr, sondern grenzen an bewusste Körperverletzung von Mitmenschen.

Der Blinde aus dem Evangelium des heutigen Sonntags erfährt die heilende Kraft Jesu. Er erfährt, dass dieser Prophet wirklich das „Licht der Welt“ ist, wie Jesus über sich selbst sagt. Er darf erleben, wie ihm das Augenlicht ganz neu geschenkt wird. Ihm werden danach die Augen übergegangen sein von der Schönheit des Lebens- und er wird sie vielleicht erschrocken wieder zugemacht haben vor der Not und dem Elend der Welt.

Jesus hat seine Augen nicht davor verschlossen, sondern im Gegenteil bewusst hingesehen, um zu helfen, zu heilen, zu lindern. Er wollte den Menschen Gottes heilende Liebe schenken. Dies hat er ganz konkret an dem blinden Mann vom Teich Schiloach und an so manchem anderen Hilfesuchenden gezeigt.

Aber er hat dabei auch auf die Mithilfe seiner „Patienten“ gesetzt. Ihnen wird die Heilung nicht einfach in den Schoss gelegt, sondern Jesus fordert sie zum Mittun auf. Er fragt nach ihrem Glauben und gibt ihnen konkrete Handlungsanweisungen. Der Blinde soll seine Augen im Teich Schiloach waschen, nachdem Jesus sie ihm mit einem Teig aus Erde und Speichel bestrichen hatte. Erst nach dem Waschen kann der Mann wieder sehen. Später fragt ihn Jesus nach seinem Glauben: „Glaubst du an den Menschensohn?“ (Johannes 9,35). Ein zweites Mal muss er dem jetzt Geheilten die Augen öffnen, denn dieser hat noch nicht wirklich erkannt, wer da vor ihm steht. Als Jesus ihm dann sagt: „Du hast ihn bereits gesehen; er, der mit dir redet, ist es“, kann der ehemals Blinde antworten: „Ich glaube, Herr!“ (Joh 9,38).

Lassen auch wir uns in diesen Tagen die Augen öffnen. Wenn diese Krise ein Gutes hat (neben an all dem Schlechten und Traurigen), dann sicherlich die Chance, dass wir uns als Mitmenschen neu entdecken können. Dass wir unsere Augen in einer verlangsamten Zeit wieder mehr auf unsere Nächsten richten können, ohne -wie so oft- hektisch an ihnen vorbei zu rennen. Auch wenn wir ihnen körperlich nicht nahe sein können und sollten, dann aber doch durch ein Lächeln, ein tröstendes Wort oder ein Hilfsangebot. Vermeiden wir auf jeden Fall den ganz misstrauischen Blick, der die/ den andere/n nur als möglichen Virus-Überträger ansieht. Das vergiftet das Klima und erzeugt Ängste.

Der liebende Blick des Gottessohnes gilt in diesen Tagen ganz besonders den Kranken, den Verängstigten und allen, die sich um einen lieben Menschen große Sorgen machen, da bin ich mir sicher. Wir können in diesen Tagen und Wochen vielleicht ein wenig die Augen und Hände Jesu sein und an seinem heilsamen Tun mitwirken. Lassen wir uns von seiner Liebe inspirieren und verwirklichen die „Goldene Regel“, die er seinen Jüngern an anderer Stelle mit auf den Weg gegeben hat: „Alles, was ihr wollt, dass euch die Menschen tun, das tut auch ihnen“ (Matthäus 7,12).

Liebe Schwestern und Brüder, möge Gott uns auch in der Unsicherheit und Krise erfahren lassen, dass er uns nicht aus dem Blick verloren hat, sondern dass seine Liebe uns alle trägt und wir gemeinsam gut durch diese schwierige Zeit kommen.

Schenke er jeder und jedem seinen Schutz und seinen Segen.

„Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, der halte unseren Verstand wach und unsere Hoffnung groß und stärke unsre Liebe“ (Liedvers aus: Keinen Tag soll es geben).