Von Pastoralreferentin Susanne Duesmann

Liebe Gemeinde,

dass, was zu uns Menschen gehört, ist tief in uns eingepflanzt: Es ist das Geschenk der Sehnsucht. Immer wieder hat sie eine andere Gestalt:

Sie regt sich im Kind, das nicht warten kann, bis es endlich wieder Geburtstag feiern darf.

Sie regt sich im Fernweh der jungen Leute nach dem Abitur.

Sie meldet sich im Verlangen nach Verwirklichung im Beruf und nach gesellschaftlicher, gleichberechtigter Teilhabe und Anerkennung.

Und sie ist ebenso lebendig im Wunsch von Alleinstehenden, nach erfüllender Liebe und neuer Partnerschaft.

Unendlich vielfältig sind die Weisen menschlicher Sehnsucht.

„Alles beginnt mit der Sehnsucht, immer ist im Herzen Raum für mehr, für Schöneres, für Größeres,“ so die jüdische Dichterin Nelly Sachs.

Hören Sie doch einmal selbst in sich hinein, welche Sehnsüchte sich in Ihnen melden! Und seien wir dankbar für alle Sehnsüchte, die wir in uns spüren! Denn sie sind die Impulse des Lebens.

Etwas von dieser Lebenssehnsucht begegnet uns auch bei der Frau im heutigen Evangelium. Wir treffen sie zuerst einmal bei etwas ganz Gewöhnlichem an:

bei ihrem Gang zum Brunnen, beim Wasserschöpfen. Ein mühsames, alltägliches Geschäft vor allem für die Frauen im wasserarmen Orient bis heute.

Gerade da kommt es zur Begegnung Jesu mit der Frau aus Samaria. Ungewöhnlich ist das schon: der Jude Jesus und die Samariterin im Gespräch. Da fallen Grenzen: Der Mann bittet eine Frau – das ist ungehörig!

Der Jude bittet die Samariterin – das ist unverzeihlich!

Denn die frommen Juden stehen den Samaritern eher feindlich gegenüber. Jesus verlässt damit die Bahnen jüdischer Praxis. Und mehr noch: Er, der Mann, bittet sie, die Frau, um Hilfe gegen seinen Durst. Jesus steht zu seinem eigenen, grundlegenden Bedürfnis, zu seinem Durst. Damit schenkt er Nähe.

Gerade so, führt er die Frau zu einer Wende: nämlich dazu, über ihren eigenen Durst zu sprechen, der sich in der vergeblichen Suche nach Erfüllung zeigt, im Leben mit den verschiedenen Partnern. Sie steht zu diesen Sehnsüchten und gleichzeitig war das Eingehen solcher Kettenehen ihre einzige Überlebenschance.

Jesus demaskiert ihr Leben nicht. Vielmehr geht es ihm hier, um die Kritik an der Rechtlosigkeit von alleinstehenden Frauen in der damaligen patriarchalischen Gesellschaft.

Es muss etwas Befreiendes gewesen sein, dass endlich jemand diese Lebenslast vorbehaltlos sieht und ausspricht. Mehr noch, in dieser neuen aufkommenden Gemeinschaft von Christinnen und Christen konnten zum ersten Mal überhaupt auch unverheiratete Frauen wirtschaftlich und sozial weiter existieren.

Und so ist der Boden bereitet für die Zusage, die Jesus schenken kann. Hier, bei der Samariterin, die er in die Tiefe ihrer Sehnsüchte geführt hat, in dem er spricht: Hier bei mir findest du das wahre Wasser des Lebens. Ich bin die Gabe Gottes, die all dein Sehnen und Dürsten stillen kann. In mir ist die Liebe und Zuwendung Gottes lebendig, die allen ohne Ausnahme gilt und so ein Leben ermöglicht, in dem Heimat nicht mehr Fremde, der Leib keine Last, die Sprache keine Barriere mehr ist.

Sorgsam geht Jesus mit der Samariterin um. Er nimmt sie ernst. Und so kann sich ein zielgerichtetes Gespräch auf Augenhöhe zwischen den beiden entwickeln, in dem sie immer stärker aufeinander zu reden und einander verstehen lernen. Beide verändern sich durch diese Begegnung: Jesus wird auch zum Messias des samaritanischen Volkes und die Frau zur Botin Gottes, die ihrem Volk verkündet, dass Jesus der Heiland der Welt ist. Ja! Sie hört nicht nur seine Worte, sondern erkennt und bekennt ihn öffentlich als den Messias.

Es scheint: Die Frau am Jakobsbrunnen ist uns ein ganzes Stück voraus. Denn wie können wir das verstehen, was Jesus Christus auch uns verspricht? Wie können wir das Wasser des Lebens in uns aufnehmen, das von ihm ausgeht?

Ich merke: Es braucht zuerst die Erkenntnis, dass es in mir den Durst nach Leben gibt, mehr als meine kleinen Alltagssehnsüchte, einen Durst in mir, der weiterreicht bis zu einem tiefen Angenommen sein in Gott.

Es braucht in mir die Offenheit, dass Jesus für mich nicht eine Gestalt der Vergangenheit ist, sondern einer, der hier und jetzt auf mich zukommt und mir das Wasser des Lebens anbietet: Und das ist das Wort seiner Liebe und seines Verstehens. Und das sind seine Gesten der Zuwendung, des Vergebens, die mich neu aufatmen lassen.

Ja, es braucht die Besinnung darauf, dass mir dies eigentlich schon seit meiner Taufe geschenkt ist, als ich zum ersten Mal mit seinem Wasser des Lebens in Berührung kam.

Es braucht, dass ich ihm, mein ganzes Leben hinhalte, mit all seinen dürren Stellen, vor allem mit meinen unerfüllten Sehnsüchten und Süchten.

Und es braucht vielleicht auch solche „Brunnengespräche“ in unserer Kirche und Gesellschaft, wo wir auf unseren Durst nach Leben eingehen, wo wir uns im Gespräch Mut machen, zu uns selbst zu stehen.

Durch all das hindurch kann Gott mich erreichen, mich berühren und mich verwandeln.

Die Begegnung Jesu mit der Samariterin zeigt: Wo Jesus im Spiel ist, wo er uns sein Wasser des Lebens reicht, da verändert sich etwas. Da fallen zuerst einmal schon sinnlose Grenzen weg.

Damals: die Grenzen zwischen den Juden und den Samaritern, Frau und Mann.

Heute: die Barrieren, die wir zwischen den Kulturen, Religionen und Traditionen aufrichten durch unsere Ressentiments, unsere Fremdenangst und unseren Eigensinn.

Da bekommt das geschwisterliche Miteinander in unserer Kirche, in unserer Stadt und in unserem Land eine neue Chance.

Die Begegnung mit Jesus, die macht auch uns zu Botinnen und Boten seiner Frohbotschaft. Diese Veränderung ermöglicht es uns, Lebensmut, Wertschätzung und Hoffnung mit einander zu teilen, gerade auch in diesen Corona-Zeiten, damit unsere Welt und ihre Schöpfung endlich weiser, gerechter und friedvoller werden kann.

Die Frau von Samaria jedenfalls wurde damals zur Apostelin der Botschaft Jesu in Samaria. Mehr noch, sie wagte es, aus der patriarchalen Unterdrückungssituation auszubrechen, und sie solidarisierte sich mit einem jüdischen Messias in einer Zeit, in der die römischen Behörden für diese neue Bewegung schon längst die Todesstrafe ausgerufen hatten.

Was für eine mutige Frau! An ihr lässt sich der unverkrampfte, vorbehaltlose und großartige Umgang unseres Gottes mit den Frauen ablesen. Deutlicher können die Hinweise für unsere Kirche und Gesellschaft doch nicht mehr werden!!! Amen!