Von Pastoralreferentin Susanne Duesmann

Liebe Schwestern und Brüder,

schätzen Sie Krimis? Ich persönlich mag sie gerne. Als Urlaubslektüre oder auch als Film am Sonntagabend im Fernsehen. Ein guter Krimi, der kann mich ganz schön fesseln.

Der sorgt für Herzklopfen, der lässt meine Gedanken springen, auch und gerade in diesen Zeiten.

Was ich an Krimis nicht besonders mag, sind diejenigen, die sehr ausführlich in der Gerichtsmedizin spielen. Wenn dort anhand der Toten akribisch etwas über Mord und Totschlag ermittelt wird. Diese Art von Spurensuche ist nicht nach meinem Geschmack. Wenn dort Verletzungen und Wunden gezeigt, menschliche Körper geöffnet und seziert werden und das mit einem nüchternen, oft auch zynischen Unterton. Und doch ist es so: Gerade die Verletzungen und Wunden vermögen viel zu erzählen. In ihnen steckt eine große Aussagekraft.

Das gilt in der Gerichtsmedizin. Das gilt aber wohl auch ganz allgemein und umfassend in unserem Leben. Kaum ein Mensch kann, wenn er oder sie auf das eigene Leben blickt, über mögliche Wunden und Verletzungen hinwegschauen. An ihnen bleibt vielmehr der Blick hängen und manchmal kommt dieser einfach nicht mehr über sie hinweg.

In solch eine Situation führt uns das heutige Evangelium. Da sind die Jünger Jesu, die zutiefst verletzt und verwundet sind. Ihre Träume und Visionen, all das, was ihrem Leben Kraft und Farbe gegeben hatte, war zerstört und gestorben. Mit dem Tod Jesu am Kreuz hatte alles ein jähes Ende gefunden. Sie waren dadurch so verletzt, so voller Angst, dass sie sich völlig zurückzogen. Sogar die Türen mussten sie verschließen, um ihren Schmerz irgendwie aushalten zu können. Sie brauchten diesen Schutz, um überhaupt weiterzuleben.

Genau dorthin, liebe Gemeinde, an diesen Ort ihrer Zuflucht, folgt ihnen Gott. Jesus, der von den Toten auferstanden ist, tritt in ihre Mitte. Sein erstes Wort ist zugleich das ewige Wort, das Gott für die Welt und für die Menschen hat: Es sind die Worte des Friedens: „Friede sei mit euch!“ Und er haucht sie dabei an. Es ist in diesem Augenblick noch einmal wie ganz am Anfang, als Gott dem Menschen und der ganzen Schöpfung seinen Lebensatem einhaucht. Die Botschaft des Glaubens lautet: Ostern macht alles neu. Alles, was dem Tode verfallen war, wird durch den Glauben an Jesus Christus neu geschaffen, wird lebendig!

So erleben es damals die Jüngerinnen und Jünger. Sie sehen den Auferstandenen und sie glauben an ihn. Und sie behalten dies nicht für sich. Sie sagen diese Botschaft weiter, sie verkünden sie auch Thomas, der nicht bei ihnen war, als Jesus kam.

Wie reagiert nun Thomas? Was macht er mit der Botschaft der anderen? Er muss ein ziemlich lebenskluger und erfahrener Mann gewesen sein. Denn er antwortet darauf mit einer Forderung, die mitten ins Schwarze der menschlichen Erfahrung trifft.

„Wenn ich nicht die Male der Nägel an seinen Händen sehe und wenn ich meine Finger nicht in die Male der Nägel und meine Hand nicht in seine Seite lege, glaube ich nicht.“ Punktum!

Diese Forderung hat Thomas später den Beinamen „der Ungläubige“ beigebracht. In jedem Fall eine unpassende Benennung, wie ich meine. Denn Thomas macht hier etwas, was ihn als Menschen qualifiziert, der Tiefgang hat. Thomas scheint einer zu sein, der sich auskennt mit dem Leben. Er weiß um die Doppelbödigkeit der Welt, um die dünne Eisschicht, auf der wir leben, die leicht brechen kann. Auch ihm hat der Abschied von Jesus schwere Wunden geschlagen. Es hat ihn tief verletzt. Es hat ihn geschmerzt, mit ansehen zu müssen, wie sein geliebter Freund und Meister leiden musste. Darüber kommt er nicht hinweg. Und die Liebe zu Jesus geht für ihn jetzt nur durch diese Schmerzen und nicht an ihnen vorbei.

So ist es das Erste, was Thomas sagt, wenn er an Jesus denkt: „Seine Wunden, die ihm geschlagen wurden.“ Die will, ja die muss er berühren, um Jesus nahe zu sein und sich so seiner Zuwendung zu vergewissern.

Und was macht Jesus? Ohne auch nur zu zögern hält er bei der nächsten Begegnung Thomas seine Wunden entgegen und nimmt damit die Leiden und Zweifel auf dieser Erde ganz und gar ernst.  „Streck deine Finger aus – hier sind meine Hände! Streck deine Hand aus und lege sie in meine Seite…“

Wieviel Vertrauen, wie viel Verstehen, wie viel Nähe! Nähe, die nur dort möglich ist, wo zwei sich ihre Verletzungen und Wunden zeigen können. Ja mehr, wo sie einander ihre Wunden berühren lassen. Ob Thomas tatsächlich die Wunden Jesu berührt hat, lässt das Evangelium offen. Viel wichtiger ist das, was Thomas jetzt sagen kann: „Mein Herr und mein Gott!“ Für Thomas wird dieser Augenblick zu seinem Ostern.

Nicht an den Wunden und Verletzungen vorbei, sondern erst durch sie kann er begreifen, kann er fühlen und kann er glauben. Durch sie wird es für ihn zur Gewissheit, dass es der Auferstandene ist.

Thomas schaut hier nicht mit den Augen der Gerichtsmedizin. Es ist auch nicht der Widerstand des Zweifels. Es ist vielmehr die grundlegende Erfahrung, dass die Liebe und das Leben nicht immer ohne Schmerzen und Brüche gehen. Und es ist die Verheißung Gottes, dass er selbst die Verletzung des Todes mit uns teilt, um uns so seine uneingeschränkte Liebe zu zeigen.

Eine Liebe, die uns aufrecht und selbstbewusst leben lässt, eine Liebe, die „Ostern“ heißt. Eine Liebe, liebe Schwestern und Brüder, die es uns ermöglicht unsere Kinderschuhe des Glaubens auszuziehen und die uns den Weg zu einem reifen und erwachsenen Glauben zeigt. Auf diesem lebenslangen Prozess sind Versuch und Irrtum, kritisches Hinterfragen und Zweifel, klares Positionieren und Skepsis, spätestens seit Thomas erlaubt, ja sogar unbedingt erwünscht. Nur so lässt sich auch das Dunkle wahrnehmen, die Verblendung aufdecken, schöner Schein entlarven und das Gewissen schärfen, damit sich unser Glaube dauerhaft festigt. Glaube und Zweifel sind also keine Antipoden, sondern Geschwister. Im heutigen Evangelium lässt der Auferstandene die Jüngerinnen und Jünger die Nähe Gottes erfahren im Moment ihrer größten Gottesferne. Er überwindet ihre verschlossenen Türen, er weitet ihre verengte Welt.

Wenn das geschieht, wird es immer wieder Ostern, auch bei uns. Dann kehrt Mut zum Leben zurück, dann bleibt auch das Sinnlose nicht sinnlos. Denn Gott liebt die Menschen und hält zu ihnen, im Leben und auch im Tod. Er eröffnet uns neue Perspektiven und schenkt uns seinen allumfassenden Frieden, damit das Leben für uns und diese Welt gelingen kann, auch und gerade in diesen herausfordernden Zeiten.

Amen!