(diese Predigt (ab Min. 44) und die gesamte Feier der Osternacht können Sie sich weiterhin auf YouTube anschauen, hier klicken)

Von Pastoralassistent Thomas Krause

Liebe Christinnen und Christen,

die Feier der Osternacht steht in der Mitte aller Feiern unserer Kirche. Sie ist die Feier der Auferstehung Jesu und damit des Ursprungs unseres Glaubens.

Jesus war tot und ist begraben worden.

Er ist auferstanden und hat gezeigt, dass es für uns Menschen eine Hoffnung über die Grenze des Todes hinaus gibt.

Das ist die frohe Botschaft, die wir jedes Jahr in unseren Kirchen rund um den Erdball verkünden und somit ist diese Feier auch eine Feier des Lebens, in der normalerweise liturgisch so richtig aus dem Vollen geschöpft wird.

Doch dieses Jahr ist alles anders. Wir können die Osternacht nur sehr verhalten feiern. Zu Hause. Im kleinen Kreis oder am Bildschirm.

Die Corona-Krise wirbelt unser Leben gerade ziemlich durcheinander. Dass wir Christinnen und Christen an vielen Orten der Welt zugleich nicht gemeinsam in unseren Kirchen Ostern feiern können, das hat es seit Menschengedenken noch nicht gegeben.

Und dann erleben wir auch das unermessliche Leid, das diese Pandemie mit sich bringt. Täglich bringen uns die Nachrichten neue bestürzende Bilder von Kranken, Sterbenden und Toten ins Haus. Sie lassen uns sprachlos und ohnmächtig zurück. Und niemand kann voraussehen, wie es in den kommenden Wochen weitergehen wird.

Das nagt an einem jedem von uns und es drohen Resignation, Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung.

So ähnlich ging es wahrscheinlich auch den Jüngerinnen und Jüngern Jesu, als sie denjenigen am Kreuz sterben sahen, in den sie all ihre Hoffnungen gesetzt hatten. Der, den sie für den Messias hielten, lag nun in einem Grab, versiegelt mit einem schweren, unüberwindbaren Stein.

Liebe Christinnen und Christen,

Krisen und Epidemien wie diese haben in der Geschichte des Christentums immer wieder kreative Frömmigkeit hervorgebracht.

Da wundert es kaum, dass in den vergangenen Tagen auch die vermeintliche Seuchenpatronin Corona wieder in den Blickpunkt geraten ist. Diese trägt allerdings nur zufälligerweise den gleichen Namen wie das Virus und hat eigentlich auch nur sehr wenig mit Seuchen und Krankheiten zu tun. Vielmehr ist sie als Schutzheilige der Schatzgräber bekannt, und ich finde, dass dieses Patronat wiederum sehr gut in diese Zeit passt.

Denn mehr denn je kommt es in diesen Tagen darauf an, die wertvollen Dinge im Leben zu entdecken und unter den vielen Schichten der Sorgen, Ängste und Nöte das aufzuspüren, was uns stärkt und Mut macht. Diese Krise sollte uns dazu animieren, wie ein Schatzsucher nach diesen Dingen zu graben.

Für uns Christinnen und Christen ist der Glaube an die Auferstehung, die wir an Ostern feiern, ein solcher Schatz. Er schenkt uns die Zuversicht, dass es einen Ausweg aus dem Dunkel der Nacht, der Hoffnungslosigkeit und der Lebensmüdigkeit gibt. Es ist der Glaube, dass sich Jesus mit uns auf den Weg macht und uns auch in den Dunkelheiten unseres Lebens begleitet, in Krankheit, Leiden, Tod und Verzweiflung.

Diesen Glauben gilt es hinauszutragen in die Welt; deswegen fällt Ostern auch nicht aus.

Die Gottesdienste finden zwar nicht in gewohnter Weise statt, ihre Botschaft aber ist heute aktueller denn je:

„Jesus lebt. Er ist auferstanden.“

Ostern ermuntert uns, nicht in der Krise und in der Dunkelheit zu verharren, sondern den Weg einzuschlagen, den Auferstandenen und damit das Licht in unserem Leben zu suchen.

Damit tun wir es den beiden Frauen gleich, von denen wir heute im Matthäusevangelium hören.

Sie sind die ersten, die das leere Grab entdecken. Sie sind noch gefangen in ihrer Trauer; in der Krise, die der Tod Jesu in ihnen ausgelöst hat. Und dann kommt dieses gewaltige Auftreten des Engels, der den Frauen verkündet, dass Jesus auferstanden ist.

Bemerkenswert an den beiden Frauen finde ich, dass sie der Aufforderung des Engels unmittelbar folgen und sich auf den Weg machen, um den Jüngern die frohe Botschaft zu verkünden. Ihnen ist sofort klar, dass sie den auferstandenen Jesus nicht mehr im leeren Grab antreffen werden. Dieser vermeintliche Endpunkt wird für sie nunmehr zu einem Symbol des Aufbruchs.

Nicht mehr bei den Toten ist der Gekreuzigte und Auferstandene zu finden, sondern unter den Lebenden.

Trotz ihrer Furcht, die die Erlebnisse am Grab ausgelöst haben, überwiegt die Freude und sie schlagen einen neuen Weg ein, der sich erst im Gehen für sie erschließen wird.

Sie eilen zu den anderen Jüngerinnen und Jüngern, weil sie erkennen, dass der leere, unausgefüllte Raum des Grabes nicht alles sein kann.

Die Freude über den Auferstandenen treibt sie an, den Trauerort zu verlassen und ihr Weg führt sie letztendlich in die Begegnung mit Jesus Christus.

Das leere Grab, von dem das Evangelium berichtet, ist kein Finale, sondern der Ausgangspunkt einer Suche, die auch unsere Suche ist. Eine Suche, bei der auch wir nicht immer wissen, was uns erwartet. Nicht das leere Grab ist die Botschaft, sondern dass Jesus unter uns Menschen gegenwärtig ist und es an uns liegt, ihm zu begegnen. Dafür müssen wir uns vom Grab wegbewegen und Jesus in unserer alltäglichen Welt entdecken, anstatt zu verharren und darüber zu spekulieren, was denn nun mit dem Leichnam geschehen ist.

Dort wo wir leben und handeln, dort ist der Raum, in dem die Begegnung mit Jesus Christus stattfindet und das Licht des Auferstandenen die Dunkelheiten des Lebens durchbricht.

Sich auf den Auferstandenen einlassen heißt sich auf das Leben einlassen, es annehmen und damit etwas anfangen. Es bedeutet, nicht im Negativen zu verweilen, sondern den Dingen Raum zu geben, die unser Leben reicher machen.

Vielleicht erkennen wir in der aktuellen Krise gerade nicht das Licht des Auferstanden, weil uns die Schwermut plagt, zu Hause die Decke auf den Kopf fällt oder aber das Leid der Betroffenen so sprachlos macht. Da ist es schwer, Ereignisse oder Handlungen als etwas zu erkennen, das auf Jesus verweist. So verharren wir viel zu häufig am Grab, anstatt aufzubrechen, um unsere eigenen Auferstehungserfahrungen zu machen.

Und das können so kleine Dinge sein: gerade in dieser Krise, wo sich Menschen gegenseitig beistehen oder denjenigen helfen, die besonders durch das Corona-Virus gefährdet sind.

Mut machen mir auch die vielen spirituellen und seelsorglichen Angebote, die wie Pilze aus dem Boden schießen und ein lebendiges Christentum und eine Kirche offenbaren, die durchaus in der Lage sind, den Menschen in dieser besonderen Situation etwas anzubieten.

Die Begegnung mit dem Auferstandenen findet dort statt, wo nicht mehr die Krise im Vordergrund steht, sondern das Licht und das Leben. Dort wo Egoismus der Solidarität weicht, wo Gerechtigkeit und Liebe herrschen und wo Vergebung und Versöhnung Raum gewinnen. Und besonders in diesen Tagen ist für mich Jesus Christus gerade dort präsent, wo wir aus der Mutlosigkeit und Trägheit aufstehen, die Tristesse der Kontaktbeschränkungen hinter uns lassen und uns hoffnungsvoll auf die Suche nach Alternativen begeben: uns also voll Gottvertrauen auf den Weg machen.

Das sind für mich Auferstehungserfahrungen des diesjährigen, besonderen Osterfestes. In diesen kleinen und großen Lichtzeichen innerhalb der Krise begegnet mir Jesus Christus.

Dort, wo ich sehe, dass Menschen nach den Worten und nach dem Beispiel Jesu leben und handeln, dort begegne ich ihm.

Ostern ist kein fernes historisches Ereignis, sondern es ist immer wieder Gegenwart. Ein leeres Grab, an dem ich verharre, ist die eine historische Seite, aber die Vorstellung, dass der Tod und die Dunkelheit nicht das letzte Wort haben, ist die Seite, die uns Menschen dazu ermuntert, uns auf den Weg zu machen – auf die Suche nach dem Auferstandenen und damit zu den wahren Schätzen unseres Lebens.

Dabei dürfen wir uns der Geborgenheit des liebenden Gottes stets gewiss sein, und ich wünsche Ihnen, liebe Christinnen und Christen, von wo auch immer Sie gerade zuschauen, dass auch Sie in diesen schweren Zeiten der Krise Ihre Auferstehungserfahrungen machen, indem Sie nach den wahren Schätzen in Ihrem Leben Ausschau halten.