Statt einer Predigt: Meditation zum Fastentuch

Da Gottesdienste und Andachten rund um den Misereor-Sonntag 2020 aufgrund der Corona-Maßnahmen nicht wie geplant stattfinden können, möchten folgende Impulse zum Hungertuch zu einer persönlichen Besinnung einladen.

Das Hungertuch 2019/2020 wurde vom Künstler Uwe Appold gestaltet. Ein bewegendes Interview mit ihm kann auf www.hungertuch.de abberufen werden.

Das MISEREOR-Hungertuch 2019/2020 „Mensch, wo bist du?“ von Uwe Appold © MISEREOR

Das Hungertuch trägt den Titel: „Mensch, wo bist du?“

„Mensch, wo bist du?“ ist ein Zitat aus der Bibel. Gott hat den Menschen (hebr. „adam“) aus Staub geformt, ihn in den Garten Eden gesetzt und ihm dort die Frau als ebenbürtige Hilfe und Partnerin gegeben. Beide aber, Frau und Mann, haben sich verführen lassen, Gottes Gebot zu übertreten und von den Früchten des verbotenen Baumes zu essen.

„Als sie an den Schritten hörten, dass sich Gott, der HERR, beim Tagwind in den Garten erging, versteckten sich der Mensch und seine Frau vor Gott, dem HERRN, inmitten der Bäume im Garten. Aber Gott, der HERR, rief nach dem Menschen und sprach zu ihm: Wo bist du?“ (Gen 3, 8-9)

Das Hungertuch ist inspiriert von „Gottes Suche nach den ersten Menschen im Paradies, die ein-fach weggelaufen sind, nachdem sie die verbotene Frucht gegessen hatten. Sie sind weggeduckt vor Scham – und Gott hat sie aber gesucht. Adam und Eva, wo seid ihr?“ (U. Appold))

In der Tat ist kein konkreter Mensch auf dem Hungertuch zu sehen, sondern viele Orte, an denen der Mensch sein könnte – viele Orte, an denen ICH sein könnte… Machen auch wir uns auf die Suche nach dem Menschen, nach uns selbst.

In der Mitte: Ein einfaches kleines Haus mit einer Öffnung.

Kinder malen gerne Häuser. Es ist der Ort, an dem sie mit ihrer Familie wohnen – dort ist alles vertraut, dort sind sie geborgen. Von dort aus können sie die Welt entdecken, und dann dorthin zurückkehren.Bin ich gerne zu Hause, komme ich gerne nach Hause zurück? Wo bin ich eher Ich selbst – zu Hause oder außerhalb? Wie ist es gerade jetzt, da ich viel mehr zu Hause bleibe / bleiben sollte?

Wir sprechen von unserem Planeten Erde als von einem Haus. „Ökologie“, eine der großen Herausforderungen unserer Zeit, bedeutet auf Griechisch: „Die Rede von dem Einen Haus“. Tatsächlich sind wir Menschen angesichts vieler Aufgaben schon längst eine Schicksalsgemeinschaft – Klimaschutz, Plastikmüll, Artensterben und nun auch die Corona-Pandemie (= Krankheit mit weltweiter Verbreitung) richten sich nicht nach den Grenzen unserer Staaten. „Wir leben auf der Erde unter einem Dach“. (U. Appold) Wir teilen im Augenblick mit vielen Menschen die Einschränkungen für unseren eigenen gesellschaftlichen Alltag. Wo sehe ich mich innerhalb dieser Schicksalsgemeinschaft? Mit wem fühle ich mich solidarisch; wem fühle ich mich verpflichtet?

Das Haus auf dem Hungertuch hat eine Öffnung. Für diese Öffnung gibt es verschiedene Interpretationen:

  • Es kann eine Tür sein, durch die man ein-und ausgeht – das Haus ist offen.
  • Es kann symbolisieren, dass das Haus unfertig ist, und das die Menschheit noch daran bauen muss.
  • Es kann an zerstörte Häuser erinnern, wie so viele Bilder aus Kriegsgebieten zeigen – Häuser, die wieder aufgebaut werden müssen.
  • Welche Interpretation für die Öffnung im Haus spricht mich an?

Das Haus ist umschlossen von einem goldenen Kreis.

Gold ist glänzend, beständig und wertvoll; der Kreis hat keinen Anfang und kein Ende –beides zusammen steht für Gott, und für Gottes Vision für unsere Welt. Der goldene Kreis ist soviel größer als das kleine Haus. Gottes Vision ist soviel größer als unsere Baustelle Erde.

Gott hofft, dass die Menschen sich füreinander öffnen, weiter am gemeinsamen Haus bauen, dass sie Kriegsschäden beseitigen. Wir Menschen hoffen, dass Gott uns nicht allein lässt und uns Kraft gibt. „Wer die Hoffnung nicht verliert, wird sich behütet fühlen. Deswegen der goldene Kreis um das Haus.“ (U. Appold)

Wieviel Hoffnung habe ich für die Erde? Für die Menschheit? Für mich selbst?

Wieviel nahe fühle ich mich der leuchtenden Vision Gottes?

Die Erde

Wie eine Landzunge oder ein Kontinent breitet sich Erde auf diesem Bild aus. Sie trägt das Haus in der Mitte. Die Erde unter unseren Füßen trägt uns und ernährt uns. Die Bibel bezeichnet den Menschen als „adam“, „Erdling“, der aus „adama“, „Erdboden“, geformt ist (Gen 2,7). „Ich liebe es, wenn die Koppeln gepflügt werden, wenn die Schollen umbrechen, das Licht auf der Erde spielt…“ (U. Appold)

Gerade jetzt im Frühling erwacht wieder Leben auf der Erde: Knospen, erste Blumen, Insekten. Wie sehr kann ich mich darüber freuen? Bin ich in diesem Frühling zu finden?

„Erde bedeutet zugleich Heimat… die so viele Menschen verlieren… Wir sehen mit jedem Flücht-ling, was es heißt, Heimat zu verlieren. Wir erkennen, was es heißt, Heimat zu haben. Und wir stehen vor der Herausforderung, Heimat mit Fremden zu teilen… Heimat… ist mit Boden, mit Erde verbunden.“ (U. Appold)

Welche Erinnerungen, Gedanken und Gefühle verbinde ich mit dem Thema Flucht / Flüchtling – gerade auch jetzt?

Als Werkstoff diente dem Künstler Erde aus dem Garten Getsemane in Israel –dem Garten vol-ler Olivenbäume, in dem Jesus verhaftet wurde (Mt 26,36). Als er das Paket mit Erde öffnete, erzählt Uwe Appold, habe es ihm „den Boden unter den Füßen weggezogen… Da fing alles an, das Passions-und Ostergeschehen“. Und er fand noch etwas in dem Paket: „Ich habe tatsäch-lich 12 größere Steine entdeckt. Tatsächlich 12, die nun auf die 12 Jünger hindeuten, die dort im Garten Getsemane schliefen…“

Wir werden Karfreitag und Ostern ganz anders feiern als in den letzten Jahren und als wir es noch vor kurzem geplant haben. Die Feier der gewohnten Gottesdienste fällt für uns aus. Wie könnten wir nun die Karwoche und Ostern feiern? Welche Inhalte und welche Gestaltung sind mir persönlich wichtig, um den Weg Jesu in Passion und Auferstehung mitzugehen?

Rechts unten: eine menschliche Gestalt

Es ist nicht einfach, in der Gestalt rechts unten einen Menschen zu erkennen. Allerdings wurde auch kein konkreter Mensch gemalt, denn der Titel des Hungertuches lautet ja: „Mensch, wo bist du?“ Vielmehr lädt die stilisierte Gestalt mit den ausgebreiteten Armen zur Öffnung des Be-trachters für Gottes Vision ein.

Wie offen bin ich für Gottes Sicht der Welt?

Wie bereit bin ich, am gemeinsamen Haus für die Menschheit mitzuarbeiten – wie weit ist das Engagement für Frieden, Gerechtigkeit und für die Schöpfung ein Teil von mir?

Links unten: Die Schriftzeichen

Die Schriftzeichen sind abstrakt, sie können für Wissen, Kultur, Tradition stehen. Ein kleines rotes Kreuz deutet auf Christus hin. Eine aufrechte 8 ist zu erkennen – Zeichen der Unendlichkeit.

Welche Bücher, Filme, Lieder haben meinen Glauben geprägt, meine Sehnsucht nach Gott be-stärkt, meine Beziehung zu Jesus bereichert?

Der Hintergrund ist blau gehalten.

Von unserer Erde aus gesehen ist der Himmel blau; vom Weltall ausgesehen ist unsere Erde dank der Ozeane ein blauer Planet. Blau ist eine umfassende Farbe. „Hier ist Alles mit Allem verbunden –Gott mit Mensch – Haus mit Erde – Ozean mit Himmel“ (U. Appold)

Blau ist auch die Farbe des Glaubens und der Zuverlässigkeit.

Welche Rolle spielt die Beziehung zu unserer Einen Welt für mich?

Welche Rolle spielt die Beziehung zu Gott in meinem Leben?

Nochmals der biblische Text

„Aber Gott, der HERR, rief nach dem Menschen und sprach zu ihm: Wo bist du? Er antwortete: „Ich habe deine Schritte gehört im Garten…““ (Gen 3, 8-10)

Ich kann die Suche quer durch das Hungertuch mit einem persönlichen Gebet abschließen, das mit den Worten beginnt: „Gott, mein Herr, du suchst mich. Ich aber antworte dir…“

Eine-Welt-Kreis St. Georg in Augsburg-Haunstetten, Dr. Susanne Gäßler, Pastoralreferentin

PDF-Datei bei Misereor