Von Pfarrer Christoph Sibbel

Liebe Schwestern und Brüder,

wenn jemandem ein „dicker Fisch ins Netz gegangen“ ist, dann hat er oder sie mal so richtig Glück gehabt. Fischt dagegen jemand im „Trüben“, will so gar nichts richtig klappen und der Erfolg bleibt aus.

Der Apostel Petrus muss bei der nach-österlichen Begegnung mit dem auferstandenen Jesus am See von Tiberias nicht nur einen dicken Fisch aus dem Wasser ziehen, sondern gleich 153 davon. Eine wirklich schwere Arbeit, die er da ganz alleine verrichtet und von der uns das Johannes-Evangelium berichtet (Johannes, Kap. 21, Verse 1-14). Dies ist das Evangelium des heutigen dritten Ostersonntags, den wir miteinander begehen – wenn auch Corona-bedingt aus der Entfernung.

Petrus war ins Wasser gesprungen und zu Jesus hingeschwommen, als dieser am frühen Morgen am Ufer stand und seine Jünger bat, die Netze nochmals auszuwerfen. Vorher hatten sie in der ganzen Nacht keinen einzigen Fisch gefangen (die jüdischen Fischer arbeiteten immer nachts, weil die Fische am Tag auf dem Grund des Sees Genesareth ruhen), sie waren müde und erschöpft und wollten schon nach Hause rudern. Da werden sie von dem geheimnisvollen Fremden am Ufer aufgefordert, ihre Netze nochmals auf der anderen Seite des Bootes auszuwerfen. Nach dem Auswurf füllen diese sich sofort mit der reichen Beute. Die Jünger ziehen das prallgefüllte Netz mit ihrem Ruderboot zum Ufer, und Petrus holt es dann aus dem Wasser. Sie treffen dort auf ihren auferstandenen Meister, der schon ein Feuer angezündet hat und sie zur Mahlgemeinschaft einlädt.

Die ganze Szene hat etwas Mystisches und wirkt ein wenig entrückt. Und gleichzeitig ist sie eine der schönsten Ostererzählungen, die wir kennen- neben der Erzählung von den Emmaus-Jüngern; diese erkennen ja den Herrn am Ende auch am gemeinsamen Mahl. Beim Lesen der Bibelstelle kommt mir allerdings auch die Frage: Was hat diese Begebenheit nun mit meinem Alltag zu tun? Warum ist es wichtig, davon zu hören, dass die Jünger zu damaliger Zeit eine Art „Sechser im Lotto“ beim Fischfang hatten? Was bedeutet die Zahl „153“, die Anzahl der Fische, die Petrus an Land zieht, und welche Schlussfolgerungen lassen sich aus der ganzen Szene auch für unsere Zeit ziehen- vielleicht sogar für diese Krisenzeit?

Leider kann ich in Bezug auf die Anzahl der Fische keine schlüssige Erklärung liefern. Die Bibelwissenschaft hat hier verschiedene Erklärungs- und Zahlenmodelle erörtert, aber keines war wirklich einleuchtend. Man geht davon aus, dass dies eine symbolische Zahl ist, aber ihre Bedeutung ist im Laufe der Geschichte wohl verlorengegangen. Entscheidender ist eher zu verstehen, dass es Petrus ist, der das Netz herausholt und es dabei nicht zerreißt. Ihm kam offenbar in der Urgemeinde der Christen von Anfang an die Stellung zu, alles zusammen zu halten, damit die „Herde Christi“ nicht gleich wieder auseinander lief. Denn Spannungen gab es unter den ersten Christen ja auch von vornherein.

Noch wichtiger aber ist die Bemerkung, dass die Jünger das Netz auf der anderen Seite des Bootes auswerfen, als Jesus es ihnen vom Ufer aus zuruft. Sie sind bereit, auf sein Wort zu hören. Obwohl sie mit ihren Augen nicht genau erkennen können, wer da mit ihnen spricht, spüren sie ihn in ihren Herzen und vertrauen ihm weiterhin. Der Jünger, den Jesus liebte, sagt zu Simon Petrus: „Es ist der Herr!“, und dieser springt sofort ins Wasser, um zu Jesus zu schwimmen.

Das Vertrauen in den Herrn und Meister ist ungebrochen und die Jünger lassen sich auf seine Worte ein. Obwohl sie es als erfahrene Fischer besser wissen, gehen sie das Risiko der leeren Netze erneut ein – und machen den Fischfang ihres Lebens. Sie verlassen ihre ausgetretenen Pfade und routinierten Arbeitsmethoden und bekommen die Fülle des Lebens von Jesus geschenkt.

Ist dies nicht auch ein Auftrag an uns in heutiger Zeit? Hören wir genügend auf die Worte Jesu? Lassen wir uns von ihm ansprechen, berühren und inspirieren? Können uns seine Worte überhaupt erreichen, oder sind unsere Lebenswege und -planungen so eingespurt und festgezurrt, dass da nichts Neues mehr hinzukommen kann und darf? Jesus möchte uns immer wieder neue Wege für unseren Alltag zeigen- z.B. zu unseren Mitmenschen. Aber wenn wir unser Herz davor verschließen und uns ausschließlich auf unsere altbewährten Wege und Methoden verlassen, hat er keine Chance, uns etwas Neues zu zeigen, um uns einen reichen und unerwarteten „Fischfang“ zu bescheren.

Die Corona-Krise zwingt uns jetzt gerade dazu, an manchen Stellen neue Wege zu gehen und alt vertraute Handlungen über Bord zu werfen. Im gesundheitlichen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bereich bereitet sie allen große Sorgen und Probleme. Sie führt aber auch dazu, neue Dinge auszuprobieren. Menschen werden kreativ in der Hilfe füreinander, achten auch auf den Nachbarn, den sie bisher vielleicht kaum wahrgenommen haben und machen sich Gedanken darüber, wie die Zeit nach der Corona-Krise aussehen könnte und müsste. Auf welche neuen Impulse und Wandlungen sollten wir uns einlassen? Was müssen wir im persönlichen und im gesellschaftlichen Leben dringend ändern, damit eine solch schwierige Zeit so schnell nicht wieder eintrifft?

Für mich persönlich gehört ganz klar der Impuls dazu, die Bewahrung der Schöpfung viel stärker in den Vordergrund zu stellen. Die jetzige Krise zeigt uns allen, dass wir viel bewirken können, wenn alle entschlossen mit „anpacken“. Durch konsequentes Handeln und auch persönlichen Einsatz von jedem und jeder einzelnen lässt sich eine Krise in den Griff bekommen und zum Guten wenden. Davon können wir in der Corona-Krise ausgehen und das sollten wir auch auf die Klimakrise übertragen.

Nur: Sind wir bereit, den Anruf Gottes zur Bewahrung der Schöpfung zu hören und daraus Konsequenzen zu ziehen? Wenn uns das gelingen würde, dann hätte die jetzige Krise wenigstens auch etwas Gutes!

„Werft das Netz auf der anderen Seite des Bootes aus und ihr werdet etwas fangen!“ Diesem Wort Jesu dürfen wir auch heute vertrauen.