von Pastoralreferentin Susanne Duesmann

Liebe Gemeinde!

 „Alles was mein ist, ist auch dein, und was dein ist, ist mein.“ Diese Worte, die wir soeben im heutigen Evangelium gehört haben, sprechen von einer großen Offenheit und Nähe. Sie verheißen, dass uns jemand ganz und gar mit in seinen Lebensbereich hineinnehmen möchte. Solches Ansinnen kann große Freude auslösen, es kann aber auch eher einen totalen Besitzanspruch suggerieren. Möglicherweise gibt es auch unter uns die Angst, von Jesus vereinnahmt zu werden, so dass der Glaube an ihn von uns so viel Hingabe erfordert, dass dann von unserer freien Entscheidungsmöglichkeit nicht mehr viel übrig bleibt. Jesus aber ist nicht so, er will uns nicht ganz und gar für sich beanspruchen.

Im Gegenteil, er bekennt zwar, dass wir zu ihm gehören, aber er gibt uns frei: „Alles, was mein ist, ist dein“ – das sagt er nicht zu uns, das sagt er zu Gott.

Er vertraut uns Gott an. Und seine Gemeinschaft mit uns Menschen sieht er nicht als seinen Verdienst oder gar sein Eigentum an. Vielmehr, und da ist Jesus sich ganz sicher, hat Gott ihm diese Gemeinschaft mit uns geschenkt. In die Hände Gottes legt er am Ende seines Lebens die gewachsene Beziehung nun zurück.

Diese Beziehung zu uns, liebe Schwestern und Brüder, will unser aller Leben nicht einengen, sondern öffnen für das Eins-sein mit uns selbst und für Gott.

Seine Liebe ist eben nicht einschränkend, sondern vielmehr für uns beschützend und freiheitsstiftend zugleich.

Vor einer solchen Liebe brauchen wir Menschen uns deshalb überhaupt nicht zu erschrecken. Diese besondere Zuwendung kann uns auch niemals verlorengehen und wir können in ihr auch nicht untergehen.

In Jesu Nähe werden wir vielmehr unser Selbst und unsere Identität gewinnen. Sie eröffnet uns einen neuen Raum, einen ganz anderen Spielraum, das Leben zu gestalten. Das ist meiner Ansicht nach auch ein guter Prüfstein für unsere Kirche. Dort wo diese die Menschen zu ihrem Selbst befreit, und eben nicht einengt, was an Persönlichkeit und an Lebensmöglichkeiten vorhanden ist, hat sie die befreiende Botschaft Jesu verstanden. Dann liegt sie auf seiner Linie. Die Linie Jesu geht auch immer mit unserer persönlichen Lebenslinie einher.

Das ist, liebe Gemeinde, kein Freibrief für egoistisches Verhalten – ich erinnere hier an den letzten Sonntag, da hieß es im Evangelium: „Wenn ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote halten“, aber seine Liebe ist eben eine freilassende und freisetzende Liebe. Die Großartigkeit und Freizügigkeit dieser Liebe geht sogar so weit, dass Jesus bei Gott nur für die bittet, die sein Wort, seine Botschaft und seine Liebe freiwillig angenommen haben.

Das heißt übersetzt: Er buhlt nicht um die Gemeinschaft mit der gesamten Menschheit und er zaubert nicht jeden Menschen ungefragt auf seine Seite.

Die aber, die von seinem Ja berührt sind – die sich berühren lassen, dürfen sich seines Ja‘s gewiss sein – ohne je Gefahr zu laufen, durch die Beziehung vereinnahmt zu werden.

In dieser großzügigen Perspektive hat Jesus den Menschen Gott offenbart. Ich kann auch sagen: Er hat sie mit Gott vertraut gemacht. In seinem Handeln und durch seine eindeutige Botschaft zeigt Jesus den Menschen: So ist Gott!

Es ist sein Vermächtnis, denn der Evangelist Johannes lässt Jesus im heutigen Evangelium sagen: „Vater, die Stunde ist da.

Beim Abschied vor seinem Tod spricht er nicht von Nebensächlichkeiten. Hier erhält jedes Wort seine tiefe Bedeutung und sein entsprechendes Gewicht. Jesus möchte angesichts seiner bevorstehenden Kreuzigung, dass seine Jüngerinnen und Jünger das Werk fortsetzen, in dem sie seine Frohbotschaft in dieser Welt weiter verkünden und im Handeln sichtbar werden lassen.

Die Stunde ist da – gemeint ist auch: Es ist ebenso unsere Stunde, dass wir erahnen, welche Verantwortung wir als Christinnen und Christen für unsere Welt und unseren Glauben haben. Übersetzen wir seinen Auftrag in unsere Zeit, so mag das, vor dem Hintergrund des heutigen Evangeliums so klingen: „Gott ich verherrliche dich in meinem Leben und heilige dich durch mein konsequentes Engagement. Ich offenbare deinen Namen in aller Freiheit, in aller Klarheit und auf Augenhöhe den Frauen, Männern und Kindern, die du mir anvertraut hast. Ich betrachte dabei die Menschen und unsere Erde nicht als mein Eigentum, sie gehören dir, aber ich bin beauftragt sie für einige Zeit zu begleiten und diese deine Welt in deinem Sinne mitzugestalten, wertschätzend, respektvoll und tolerant.

Eine solche Entscheidung für ein Leben in der Nachfolge Jesu bleibt nicht ohne Auswirkungen auf unseren Alltag. Wir müssen auch uns immer wieder kritisch hinterfragen, wo profitieren wir von Strukturen, die andere Menschen ausbeuten. Peter Kossens, Priester unseres Bistums, prangert schon seit Jahren die Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie an und warnte schon zu Beginn der Corona-Krise vor der Gefährdung der schlecht bezahlten und teilweise erbärmlich untergebrachten osteuropäischen Arbeiterinnen und Arbeiter in den Fängen von Werkverträgen und Subunternehmen. Sind der vorenthaltene Lohn und die geraubte Menschenwürde kein Diebstahl, von der Petrus in der ersten Lesung heute spricht? Wir spüren es ganz deutlich, dass unser neues Leben aus und in der Gotteswirklichkeit durchaus auch Auseinandersetzungen hervorrufen kann.

Dabei brauchen wir uns nicht zu fürchten oder zu ängstigen, dass uns womöglich der Auftrag überfordern könnte. Dort, wo wir unser Leben mit anderen Menschen teilen, unsere Hoffnung und Zuversicht leben, gerecht und solidarisch mit anderen umgehen, mutig und beherzt anderen helfen und nicht ängstlich nur auf uns fokussiert sind, da scheint die lebendige Geistkraft des Auferstandenen auf. Genau in diesen Situationen dürfen wir dann auch erkennen und spüren: „Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.

Dieser Glaube macht frei und gelassen, er weckt und stärkt den Geschmack am Leben.

Amen!

Evangelium Joh 17
1. Lesung Apg 1
2. Lesung 1 Petr 4