von Pastoralreferentin Susanne Duesmann

Liebe Gemeinde,

Eltern unter uns kennen das: Beim Spaziergang kann es vorkommen, dass die Kinder schon bald nörgeln: „Wie lange dauert es denn noch?“ Dann kostet es viel Geschick, die Kinder zu motivieren, dass sie ohne großes Murren weiter unterwegs bleiben.

Bei uns anderen passiert vielleicht etwas ganz Ähnliches: Sooft es uns in diesen Corona-Zeiten möglich gemacht wird, sind wir gerne unterwegs und unternehmen etwas in der Natur. Aber wenn wir dann wieder heimkommen, kann es schon sein, dass wir zueinander sagen: „Es war schön heute; aber zu Hause ist es doch am allerschönsten.“

Solche Episoden beschreiben etwas aus dem ganz gewöhnlichen Alltag. Sie sagen aber auch in einem tieferen Sinn etwas über unsere besondere Befindlichkeit als Christinnen und Christen. Denn wir leben zwischen diesen beiden Polen: dem Ziel unseres Lebens bei Gott – und dem Weg, der heute und jetzt unser Auftrag ist. Zwischen diesen beiden Polen ist unser Leben spannungsvoll und durchaus herausfordernd angelegt: Wir haben schon das Ziel vor Augen – und sind doch noch längst nicht angekommen. Und von dieser Erfahrung erzählt auch das heutige Evangelium.

Jesus Christus verheißt uns, dass er uns einen Platz bei Gott bereiten wird, ein Angekommen sein bei ihm. Ja, es heißt sogar: Bei ihm gibt es viele Wohnungen. Es ist bei ihm also keine Raumnot. Nicht nur einzelne, handverlesene Auserwählte haben dort Zutritt. Nein: Bei Gott ist Platz für alle Menschen! Er hat ein weites Herz! Da wird nicht gesiebt. Und wir sind es ohnehin nicht, die da Plätze zu vergeben oder zu verweigern haben. Weil Jesus für uns eintritt, darum haben wir bei Gott alle Chancen und sind bei ihm willkommen.


Natürlich meint dieses Ankommen bei Gott nicht einen topographischen Ort. Das Entscheidende ist, dass wir ein Du finden, das uns annimmt. Und Gott ist dieses Du. Jesus Christus, der Auferstandene ist uns darin vorangegangen. Das gibt uns Hoffnung.

Heimatlos sein – das kennen im Augenblick Millionen von Menschen auf unserer Erde und das kennen auch manche Ältere unter uns aus ihrer persönlichen Lebensgeschichte. Sie kennen noch die Zeit nach Krieg und Flucht, wo ihr Leben ganz davon bestimmt war, doch möglichst rasch wieder ein eigenes Zuhause aufzubauen. Das ist ihnen gelungen mit einer gewaltigen Anstrengung und Leistung. Beim Hause Gottes, dem Haus mit den vielen Wohnungen, ist es anders. Da können wir einfach ankommen. Wir brauchen gar nicht selbst etwas zu leisten. Da dürfen wir uns buchstäblich zu Hause fühlen.

Das Bild von den Wohnungen Gottes ist ein menschliches Bild! Aber es ist sehr sprechend. Es klingt nach Raum und großer Gestaltungsmöglichkeit. Natürlich müssen wir wissen: Im Letzten ist uns die kommende Wirklichkeit verborgen, wie Gott selbst uns verborgen ist. Es reicht, dass wir wissen: Wir laufen mit unserem Leben nicht ins Leere, sondern in eine sinnerfüllte Zukunft.

Es ist ganz schön verlockend, vom Ziel bei Gott zu sprechen! Aber noch dürfen wir in aller Vielfalt, Schönheit und Großzügigkeit unterwegs sein.

Und doch erleben wir unseren Weg als Menschen, aber auch als Christinnen und Christen in dieser Welt manchmal als etwas Anstrengendes. Beispielsweise muss ich, müssen wir immer wieder die Erfahrung machen, wie brüchig unser menschliches Leben letztendlich ist und das nicht erst seit der Corona-Krise. Wir sollten die damit durchaus verbundenen Ängste und Unsicherheiten ernst nehmen und sie aussprechen dürfen. Eine weitere Last ist es mir, zu erleben, wie wenig es uns offensichtlich gelingt, unseren Glaubensweg als etwas Frisches, Lebendiges weiterzuvermitteln. Schwer lasten auf mir die so vertrockneten Strukturen unserer Kirche, mit den noch immer aktuellen Missbrauchserfahrungen. Auch die Verunsicherungen, die aus dem Klimawandel, den gesellschaftlichen und weltweiten Konflikten entstehen, treiben mich um. All das schleppen wir mit uns auf dem Weg.

Und genau in diese Situationen hinein spricht Jesus seine bahnbrechende Aufforderung: „Euer Herz lasse sich nicht verwirren. Glaubt an Gott und glaubt an mich! Ich bin der Weg.“ Damit lädt er uns ein: Folgt doch mir! Nehmt meine Spur auf! Und ihr findet ein gelungenes Leben!
Sein Weg ist vor allem der Weg der tiefen Verbundenheit mit Gott, das Einssein mit ihm, das Leben aus dieser Mitte!

Trotzdem ist sein Weg mehr als herausfordernd. Er lebt die Zuwendung zum Menschen ganz und gar. Davon lässt er sich durch Konventionen und Gesetz nicht abhalten: Er begegnet der Einzelnen und dem Einzelnen, bedingungslos, mit offenem Herzen und wachen Augen. Der Liebe wegen nimmt er Auseinandersetzungen und unbequeme Konfrontationen an. Und es schlägt ihm so viel Ablehnung entgegen. Seine Gegner ruhen nicht, bis sie ihn zu Fall bringen können.

Ich bin der Weg, sagt Jesus Christus, und er spricht da zu uns schon als der Auferstandene: Mag der Weg, den ich gegangen bin, auch in den Augen der Welt gescheitert sein! Mein Leben ist bei Gott angenommen! Gott hat zu mir sein deutliches „Ja“ gesagt. Mein Weg ist ein gelungener Weg! Folgt mir nach!
Auf diesem Weg sind wir nicht allein. Wir sind als Gemeinschaft der Christinnen und Christen unterwegs.

Über unserem Weg, der vor allem ein österlicher und hoffnungsvoller Weg ist, leuchtet ein Ziel auf. Das Ziel ist Gott, der uns seine Wohnungen bereithält, in denen unsere Persönlichkeit voll erhalten bleibt. Wir dürfen uns darauf freuen und können uns mit dieser wunderbaren Zukunftsaussicht deshalb ganz dem Leben hier und heute widmen und es engagiert und solidarisch gestalten. Das Bild von den „vielen Wohnungen“ meint darüber hinaus noch mehr. Es steht auch für die Individualität unseres Glaubens. Es ist eine göttliche Ermächtigung, diesen je eigenen Weg zu Gott zu suchen – und ihn zu gehen. Die „vielen Wohnungen“ sind ebenso ein Bild für innerkirchliche Vielfalt. Es ermutigt, nicht Gründe gegen etwas zu suchen, sondern Lösungen für etwas zu finden: Wege für unseren ganz persönlichen Glauben, Wege für und zwischen den Kirchen, Religionen und Kulturen.

„Viele Wohnungen“ – dieses Bild ermutigt zum Glauben an einen
Gott, der Platz für alle hat!
Amen!

Evangelium: Joh 14,1-12
1. Lesung: Apg 6,1-7
Lesung: 1 Petr 2,4-9