Die Bildungsarbeit, die die Frauen der Reformation in ihren Häusern unternommen haben, war maßgeblich dafür, dass sich der reformatorische Gedanke überhaupt erst ausbreitete. Frauen erzogen ihre Kinder, bewirteten Gäste im Haus und sprachen dabei über die neuen Gedanken. Vor allem aber entschieden sie, in welches Gotteshaus sie am Sonntag gingen. Nur so konnte ein tragfähiges Fundamt für eine Bewegung entstehen, aus der eine eigene Kirche wurde, und blieb es nicht bei einer theoretischen Auseinandersetzung zwischen Geistlichen.

Frauen, so lernen wir beim „Frauenmahl“ am 15.12.17 in St Johannes, waren längst nicht so einseitig unterdrückt, leise und inaktiv wie wir sie uns vorstellen. Natürlich fiel die rechtliche Stellung eindeutig zu ihren Ungunsten aus, doch so wie sich Frauen in ihren Interessen, ihrem Engagement, ihrem Drang zu Sprechen und in den Möglichkeiten zur Gestaltung ihrer Spielräume heute unterscheiden, so haben sie sich auch in früheren Zeiten unterschieden.

Zeugnis davon gibt die aktuelle Ausstellung „Frauen in der Reformationszeit“ die die ev.-lutherische Kirchengemeinde Osternburg gemeinsam mit der kath. Kirchengemeinde St. Josef ausrichtet, und in dessen zugehöriges Veranstaltungsprogramm dieses Frauenmahl fällt. Die Wanderausstellung der „Frauen in Mitteldeutschland“ ist noch bis 20. Dezember 2017 in St. Johannes, Pasteurstr. 5, zu sehen. Der begleitende Katalog erläutert die individuellen Geschichten einzelner Frauenpersönlichkeiten, die jede auf ihre eigene Weise und mit ihren eigenen Möglichkeiten die Geschichte mitgestaltet hat.

Schwere Biografien laden zum Diskutieren ein: Wie fühlte sich eine Frau, die 15 Kinder gebar von denen 11 verstarben – und die sich dann auch noch für ihre Mitmenschen derart einsetzte? Einige der dargestellten Frauen sind als junges Mädchen zwangsweise in ein Kloster gegeben worden, und flohen als Erwachsene. Rechtlos, mittelos – ihrem Glauben zuliebe.

Viele dieser Namen sind die von adeligeren Frauen. Sie sind uns überliefert, weil sie schreiben konnten. Viele ihrer Briefwechsel oder Schriften sind uns bis heute erhalten geblieben, aus denen wir heute ihre Beweggründe und Schwierigkeiten nachvollziehen können. Doch viele Frauengeschichten sind uns nicht überliefert und bleiben namenlos.

Beim Frauenmahl werden Lieder gesungen, deren Texte Frauen geschrieben haben, wie zum Beispiel von Hildegard von Bingen, die als erste Person der Musikgeschichte komponierte und ihrer Kompositionen zudem noch mit ihrem eigenen Namen kennzeichnete und dafür allein schon als mutig zu bezeichnen ist. Oder ein heiteres Lied über Katharina Luther, die auch mal einen Ehestreit anbrach, wenn sie es für nötig hielt.

Die Tischgespräche drehten sich auch um schwierige Themen: Wie kommt es, dass Mütter ihre Töchter beschneiden lassen, wo sie doch selbst wissen schmerzhaft dies ist? Aber auch Probleme mit den eigenen Kindern werden diskutiert, genauso wie der gesundheitliche Vorteil von Chicorée. Und auch ein inspirierendes Thema gibt es: Der Weltgebetstag als ökumenische weltweite Basisbewegung der Frauen soll für den Friedensnobelpreis nominiert werden.

Körperlich und seelisch gestärkt beenden wir das „Frauenmahl“ mit dem Wissen, dass auch wir in der Welt Bedeutung haben.

(Sarah-Christin Siebert)

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Die Kulturwissenschaftlerin Sonja Manderbach hielt die Tischreden vor den etwa 40 Teilnehmerinnen (Foto: Sarah-Christin Siebert)

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Die Landeskirchenmusikdirektorin Beate Besser leitete und begleitete das musikalische Programm zum Frauenmahl (Foto: Sarah-Christin Siebert)